Der über einen Fischer schwer verwunderte Wanderer

© 2019, Michael Trösch aka FarbigeWelt

Auf eine Wanderung durch die kurze Sommernacht im Scheine des vollen Mondes folgte eine prächtige, purpur-orange Morgendämmerung über der ruhigen See linker Hand. Der Wanderer kam zu einem kleinen, bescheidenen Lehmhaus mit zwei kleinen Fenstern ohne Glas. Sein graues, eine Hand dickes Strohdach war stellenweise mit Moos überwachsen. In seiner Nähe stand ein Fischer, der sein Netz nach Fischen absuchte, die er seltsamerweise, sie zappelten in seinen Händen als wären sie kitzelig, zurück ins Meer brachte. Der Wander kratzte sich verwundert mit der rechten Hand am Kopf und schloss dabei seinen Mund, man hätte meinen können, er fühle sich im Erstaunen ertappt. Daraufhin ging er auf den Fischer zu, begrüsste ihn freundlich und gut gelaunt und fragte, nach dem er die Schönheit der Gegend lobte: „Wie kommt es, dass Sie die Fische zurück ins Meer bringen? Das macht doch keinen Sinn.“ – „Ich bin Fischer, meine Vorfahren waren Fischer. Was sollte ich anderes tun als fischen? – „Sie fischen weil Sie Fischer sind wie Ihre Ahnen. Gut. Aber, wieso bringen Sie die Fische zurück ins Meer? Sie hätten doch nicht zu fischen gebraucht, wenn die Fische am Ende eh wieder ins Meer kommen. Warum lassen Sie die Fische nicht gleich im Meer? Dann könnten Sie einer anderen Arbeit nachgehen.“ -„Sehen Sie, es sind schöne Fische voller Leben und manch einer ist ein stolzer Fisch, wie dieser da. Ich mag Fische, schon als Junge freute ich mich darauf, sie zu sehen, wenn Vater und Grossvater mit dem vollen Netz zum Ufer ruderten. Schauen Sie sich um, das ist ein Fischerboot, hier steht mein Fischerhaus, ich stehe vor Ihnen in einer Fischerkutte. Das ist, was ich habe. Wieso sollte ich nicht fischen? Warum sollte ich etwas anderes tun?“ – „Ja, ja.“ Sprach der Wanderer mit wachsender Ungeduld und fragte weiter: „Nun gut, Sie ein geborener Fischer. Wie so, um Himmels Willen, verkaufen oder essen Sie die Fische nicht? Wovon leben Sie denn? – „Ist er nicht schön? Ein Prachtfisch! Streichen Sie doch einmal über seine feinen Schuppen hier am Bauch. Und? Wie schaut er Sie an? Was fühlen Sie in seinem Blick? Spüren Sie wie die traurigen, kleinen Augen voller Verehrung und Sehnsucht nach dem Meer, sie anschauen? Mir geht es wie ihm. Ich kann nicht ohne das Meer sein, mich packt das Meerweh schon nach nach kurzer Zeit im nahen Dorf dort hinter den Dünen. Denken Sie nicht auch, dass ich dem Fisch eine grosse Freude bereite, in dem ich ihn ins Meer zurückbringe?“ – „Das ist gut und recht, aber wieso lassen Sie die Fische nicht im Meer. Sie hängen sicher nicht gerne in Ihrem Netz. -„Sie sind ein seltsamer Mann, Wanderer! Was frage ich Sie, warum Sie bei Nacht wandern, wenn Sie doch am Tage könnten, und bei Tageslicht erst noch mehr sehen würden. Ich habe doch gesagt, ich fische weil ich Fischer bin. Ich bin kein Fischverkäufer und Fischesser bin ich auch nicht. Sie konnten selbst erleben wie sich die Fische nach dem Meer sehnen und wie sie munter und freudig ins offene Meer hinaus schwammen. Auch warum ich Fischer bin, habe ich Ihnen erklärt. Zudem macht es mich zu einem sehr glücklichen und zufriedenen Menschen. Ich habe oft Besuch, die Menschen bringen mir aus Erbarmen eine gute Portion Reis, weil ich Herz habe und gut bin zu den Fischen. Dazu freuen sie sich mich zu sehen, da ich stets guter Laune bin und Zeit habe für ein Gespräch. Glauben Sie mir, viele haben es nicht so gut wie. Sie müssen Dinge tun, die sie nicht besonders mögen. Manche haben Diener aber fühlen sich als Bedienter nicht wohl. Glauben Sie mir, da gibt es Seltsameres als Fische fischen, um des Fischens Willen, und den Fang seinem Element zurückzugeben. Seltsames, Wanderer, und Unglückliches, Bitteres, Schmerzhaftes. Übrigens, Sie sehen hungrig aus und auch etwas seltsam. Da, nehmen Sie diesen Fisch, ich schenke ihn Ihnen.“ Der Fischer blickte den Wanderer dabei unerwartet ernst an. Der Wanderer nahm den Fisch erstaunt entgegen und bedankte sich mit trockener Kehle. Er fühlte sich unwohl mit diesem Fisch in den Händen, dabei hatte er schon of welche gefangen auf seinen Wanderungen, tot geschlagen, ausgenommen und über dem Feuer gebraten, voller Vorfreude auf den frischen Fischen. Nie hatte er dabei an den Fisch gedacht, nur an den knurrenden Bauch und das feine Mahl. Er fing an ungemütlich zu schwitzen. Schwitzen störte ihn nicht beim raschen bergauf gehen, aber ohne Anstrengung fühlte es sich falsch an. Innere Fragen nagten mit kratzendem, nervtötendem Geräusch Zweifel hinter seinen Augen zwischen seinen Ohren. Er blickte den Fisch an. Ihre Blicke kreuzten sich wie duellierende Klingen. Er parierte schlecht und der Fischblick traf ihn tief ins Auge. „Wanderer, möchten Sie ein Glas geklärtes Wasser? Sie sehen wirklich gar nicht gut aus. Kann ich Ihnen helfen?“ – „Nein, nein.“ Der Wanderer hörte seine Stimme in der Ferne. Nach kurzem Zögern, sprach er mit erschrockener Stimme: „Ich kann Ihr Geschenk nicht annehmen. Bitte behalten Sie den Fisch. Das ist Ihr Fisch und Ihr Meer.“ Darauf hin verabschiedete sich der Wanderer sichtlich nervös mit knappen Worten. Der Fischer ging, zwar über die Haltung des Wanderers erstaunt, aber überaus glücklich mit dem Fisch zum Meer und liess ihn ins Wasser. Der Fisch schwamm Richtung Sonne. Zweimal sprang er kurz hintereinander aus dem Wasser während er sich rasch und lautlos vom Ufer entfernte. Der Fischer schaute dem Wanderer nach, der innehielt und nachdenklich zurück blickte. Der Fischer winkte, vor purer Freude sprühend, zum Abschied. Der Wanderer erwiderte das Winken kurz. Das eben erlebte, beschäftigte ihn und wie um die störenden Gedanken weg zu treten, zog er strammen Schrittes weiter Richtung Dorf.