Die Wahrheitspartei

(fiktiver Artikel)


© 2020, Michael Trösch alias FarbigeWelt

Praktisch über Nacht gelang die junge, für kaum bekannt gehaltene Wahrheitspartei zu einer erklecklichen Anzahl Stimmen und damit Sitzen in beiden Räten sowie zum Anspruch auf etliche zentralen Stellen in den Stadt- und Gemeinde-und Verwaltungen. Die Wahrheitspartei gewann am Sonntag ihre Stimmen auf Kosten aller in der Regierung etablierten Parteien, deren jede prozentual um ungefähr gleiche Anteile verlor. Dieses Resultat ist somit beispiellos seit Beginn der modernen Demokratien,denn noch nie hatte eine einzelne Partei Wähler aus dem ganzen Spektrum von Link, über die Mitte, nach Rechts überzeugen können. Als wäre dies nicht schon genug Armutszeugnis für die etablierten Parteien, gelang es der Wahrheitspartei zudem einen nicht vorauszusehenden Anteil der passiven Wähler zu aktivieren, die bisher, offenbar durch das Fehlen geeigneter Parteien beziehungsweise Volksvertreter, ihr Recht auf Stimmenthaltung ausübten. Der Hinweis auf diese Möglichkeit lag zwar in der langjährigen Tendenz der Abnahme der Stimmbeteiligung. Wie sich nun herausstellte, beruhte diese nicht alleine auf politischem Desinteresse und Stimmfaulheit, sondern auf passivem Widerstand gegenüber der Politik an sich. Kurzum die Wahrheitspartei torpediert das Wesen aller bisher gewählten politischen Personen jeglicher Farbe, die trotz unterschiedlicher Meinungen in Auftreten Gemeinsamkeiten beweisen, auf der die nun zu Tage geförderte allgemeine Unzufriedenheit vieler Wähler ä, leicht nachvollziehbar, basiert. Ein, unter der Hand geteilter, geläufig begründender Zynismus der Nichtwähler lautet seit jeher: „Warum sollte ich mitwählen, wo doch nur die Wahl zwischen Pest, Syphilis und Cholera besteht?“. Wo diese Haltung um sich greift, muss etwas im System der Demokratie besonders schief fahren und eines Tages mit zunehmender Wahrscheinlich kentern. Der Wahrheitspartei gelang am Wochenende das glorreiche Kunststück, mit ihrem geschichtsträchtigen Sieg, Kräfte zu mobilisieren und das Staatsschiff aufzurichten, bevor die Demokratie zur Farce degradierte. Die Wahrheitspartei bewahrte so die freie, direkte Demokratie vor dem drohenden Unheil, dem mehr als zu bedauernden Untergang durch den schleichenden und überaus grässlichen Verlust der Wahlbeteiligungsanteile. Denn wird die Marke von Einundfünfzig Prozent erst einmal um rund Fünf Prozent unterschritten, verliert die Demokratie eigentlich jede Daseinsberechtigung, weil, spätestens ab, dann das ganze politische System, nur noch von einer Minderheit der Bevölkerung zum Regieren autorisiert würde, was weiter durch das bestehende Mehrparteien System, in dem keine der grösseren Parteien alleine die Mehrheit geniesst und wie in anderen Staaten für sich alleine walten darf, verschärfte. Interessant wird im späteren, zum einen die Analyse, wie es zur aktuellen Lage kam und besonders, worin sich die Wahrheitspartei in ihrem Programm wesentlich von den anderen Parteien unterscheidet, dass ihr diese historisch erstmalige Umstimmung auf breiter Front und die frisch gewonnene Zuversicht vieler Bürger auf Anhieb in ihrer ersten Wahlaufstellung überhaupt gelang. Es wäre nur allzu verständlich, die bestehenden Parteien gerieten nun in Panik, wurden wir doch eben Zeugen der Eröffnung eines demokratisch mit gewaltfreien Mitteln geführten Bürgerkrieges, einer tiefgreifenden Revolte, deren erster Zug im breitseitigen Wurf der Kaperhacken und rasch anschliessendem Entern des verwöhnten Staatsschiffes, in voller Wohlfahrt, stürmte. Hoffen wir, dass die nun anstehenden Neubesetzungen nicht auf allzu grosse Widerstände stossen und nicht in einem schrecklichen Gemetzel um die besten Stationen auf und unter Deck führen. Eines ist sonnenklar, die Fahrt vor uns führt direkt in aufgewühltes, turbulentes Gewässer mit mächtigen Stromschnellen und arg rotierenden Strudeln.