Leises Leder

© 2020, Michael Trösch

Der Forscher kicherte in kurzen Abständen bei seiner Arbeit. Obwohl das Kichern irgendwie vergnügt klang, spannte sich Markoffs Haut auf den Unterarmen, aber die Spannung reichte knapp nicht, um Hühnerhaut zu bilden. Besonders auch darum nicht, weil Markoff zur abgebrühteren Sorte der Laufburschen, des lichtscheuen Ganovens Rikki Manzoni gehörte. Markoff liebte seine neuen Schuhe. Sie sahen nicht nur edel aus, sondern waren auch sehr bequem, was schon ansich ziemlich rar anzutreffen war. Zudem konnte Markoff ohne Vorsicht und sehr zu seinem grösseren Erstaunen, praktisch so gut wie unhörbar auf den Sohlen dieser unglaublichen Schuhe gehen. Markoff hätte sich kaum darüber gewundert, gäbe es einen geheimen Trick, welcher die Schuhe dazu veranlassen konnte, spitze Krallen auszufahren. Markoff hatte seine Schuhe vormals, auf einem Neumond Wandermarkt in Neapel, einem kauzigen Kerlchen mit sonderbarem Ostküstendialekt als kaum getragene Zweithandware abgekauft. Der erst wenig gesprächige Verkäufer setzte eine recht eindeutige Mimik auf, als er Markoffs alte Schuhe entdeckte und sagte:“ Sie gehen viel und stehen oft stundenlang, no? Kaufen Sie diese hier. Die passen Ihnen perfekt, si, si. Hören Sie auf Ihre Füsse, und nicht auf Ihren Buchhalter, si?.“ Danach liess er Markoff, bis dieser sich durchringen konnte, den für ihn eher unverschämten Preis für Zweithandware, endlich zu akzeptieren. Das kauzige Kärlchen versicherte ihm, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und überreichte ihm die sorgfältig verpackten Schuhe in einer Tragtasche aus einfarbigem, hellbraunen, festen Papier. Markoffs neuen Schuhe wären von einem älteren Schuster gemacht worden, der seit seiner Lehre bei seinen Leisten blieb. Schade, dass dieser nur noch wenige Exemplare über die letzten Jahre angefertigt habe. Der vorherige Besitzer der Schuhe habe übrigens unsagbares Glück gehabt und diese hier gegen vom Schuster persönlich auf Mass angefertigte Exemplare binnen weniger Tage, gegen einen bestimmten Preis, tauschen können. Markoff kümmerte sich in der Regel nicht um Verkäufergarn. Kurz auf seinen Kauf, ärgerte er sich über eine temporäre Schwäche für das kauzige Kerlchen mit seinem ziemlich überladenen, aber gut sortierten, erstaunlich sauberen, älteren Marktstand, der zudem fein nach gutem, bequemen Leder roch. Einiges später, bereits nach wenigen Schritten in der hohen Grossstadt Markthalle, von der aus Markoffs dickhäutiger Boss seine zwielichtigen Geschäfte führte, vergas Markoff den überhöhten Preis seiner neuen Treter. Sie waren nicht nur bequemer als alles, was er zuvor trug, sie waren lautlos. Kein Schritt hallte in der räumigen, leere Vorhalle, abgesehen von den beidseitig verlaufenden Säulenreihen. Markoff fühlte sich für einen magischen Moment so glücklich, wie seit dem einzigen frohen Sommer seiner frühen Kindheit nicht mehr. Markoff fragte mit voller Stimme hinter dem Rücken des kleinen, schmalschultrigen Forschers: „Herr Professor Zwahlenfluh, wie steht es um den Fortschritt Ihres kleinen, geschmacklosen Projektes?“ Der Forscher erschrak, zuckte kräftig zusammen und hätte beinahe den Glasträger zerbrochen, den er eben noch eifrig und intensiv musterte. „Sie! … Wie können Die! … Ich habe Sie nicht kommen hören. Erstaunlich, bei der Akustik dieses glattpolierten Steinbodens und der grossflächigen Fensterreihe im Osten. Echt, ganz schon schauerlich!“ – „Das Projekt, Ihre Fortschritte!“, raunte Markoff ungeduldig mit Nachdruck.