Die Ältesten riefen das allzu fragende Kind, Diaid, fürs erste in den Ring auf.

© 2020, FarbigeWelt

Diaid war nervös, neugierig und gelangweilt zugleich. Die anderen Kinder im Dorf erzählten Diaid unterschiedliche Meinungen. Die einen meinten, es sei eine gross Ehre, vor die Ältesten zu treten, die anderen meinten, Diaid wäre zu neugierig, frage zu viel und breche stets von Neuem die alten Traditionen. Für Diaid war klar, die Kinder ahmten nur nach, was die Mittleren in ihren Kreisen beredeten. Diaid fand die Vormacher und Geschichtenerzähler der Mittleren weitaus spannender als die älteren Kinder. Mit den Kindern hatte er schon lange keinen Spass mehr, die waren ihm zu spontan, konnten kaum mehr als sich ständig gegenseitig necken oder ahmten in rascher Folge wechselnd, und ohne ersichtliches Ziel, zusammenhanglos die Rollen der älteren Mitglieder in der Sippe nach, vermutlich ohne zu wissen, was sie taten. Die Rollen und Tätigkeiten der Jüngsten waren da weitaus klarer, aber auch starrer, und viele der Mittleren schienen auf wenige Dinge und Tätigkeiten fixiert, die sonst keiner in der Sippe in der ihnen eigenen Geschicklichkeit ausführen konnte. Selten gingen von der Sippe mehr als drei, derselben Tätigkeiten nach. Abgesehen von den Geschichtenerzähler, sprachen die Mittleren wenig. Sie machten hin und wieder Bemerkung zur Stimmung in der Sippe und wiederholten die letzten aussergewöhnlichen Neuigkeiten, ansonsten benutzten sie ihre Mimik und Gestik zur Koordination ihrer Tätigkeiten, was Diaid eine lange Zeit beobachtete, weil er darin, das Eigentliche erklären könnte, was die Sippe ausmachte und sie seltsamerweise einigte. So gerne er auch Teil der Sippe gewesen wäre, aber nur zu oft gescholten wurde, weil er sich in den Nachahmer Spielen im Vergleich mit den anderen Kinder sehr schwerfällig fühlte, dazu fiel es ihm schwer, die Gesten erwartungsgemäss zu erwidern, besonders dann, wenn ein kurzes Gespräch, seiner Meinung nach, weit angebrachter wäre. Nur wenn es um Tätigkeiten ging, die er bereits gelernt und geübt hatte, konnte Diaid sich ebenso gut über der Körpersprache koordinieren wie alle anderen. Diaid ahnte, für sein Alter von fünf zweite Ernten, früh, dass er in Gefahr lief zu einem Aussenseiter zu werden, wobei er im besten Fall nur geduldet, im schlechtesten aber ausgestossen und vertrieben werden könnte. Angst mischte sich in seine diversen Gefühle. Diese Gefühlsmischung strapazierte ihn allmählich sehr und ungeahnte Verstörung reckte sich, aus einer besonders dunklen Ecke von verborgenen Regungen, mit suchenden Klauen an knöcherigen, gebleichten Fingern tastend Diaids jungem, unerfahrenen Verstand langsam und strebsam entgegen. Mit, in Gefahr laufend, im nächsten Moment in die Tiefe zu stürzen, flauem Bauch, stark pochendem Herzen und weichen, zittrigen Knien, wartete er darauf endlich aufgerufen zu werden, während Gedankenfetzen mit sich rangen und unangenehme Gefühle in sich mischten, wovon einzelne nach Hegemonie strebten. Bisher nie, hatte Diaid geahnt, dass er von seinem Inneren derart gequält werden könnte.

„Diaid! Trete ein und setzt Dich kniend in den Ring!“. Endlich. Diaid wurde er aufgerufen. Sein Warten, dieses zähe, marternde Warten, nahm vorerst ein Ende.