Emergenz

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„Bist Du sicher, dass es diesmal klappen wird? Uns gehen allmählich die Gelder aus ind Deine Experimente verschlingen nun mal horrende Summen.“

„Was ist schon so sicher, wie dass Eins und Eins Zwei gibt? Je komplexer der Sachverhalt, umso mehr tendiert er zu vielfältigen, gleichwertigen, korrekten Interpretationen, wobei sich widersprüchliche durchaus aufheben können. Wir könnten diese kontroversen Lösungen weglassen. Sie führen eh nur zu polarisierenden, endlosen, hauptsächlich emotional geführten Diskussionen über Meinungsvorlieben, ohne eine Möglichkeit zur Bildung eines Konsens, also der kreativen Auflösung des Dilemmas, ganz im Gegenteil, die gleichwertigen Widersprüche führen zur gewaltdurchsetzten Eskalation über Schritte wie Überzeugung, Extremismus und diesem anschliessend Fanatismus. Wenn Du möchtest, kannst Du das Ganze auch als „Vollständigen Interpretationsraum mit gefächerten Strömungen mit teils lokalen Neutralisationen“ betrachten. “

„Deine Intelligenz in Ehren, aber was soll ich mit dieser Antwort? Was hat diese mit unseren Finanzen zu tun?“

„Na gut, salopp gesagt: Ich kann mir nicht sicher sein, ob dieser Versuch in Richtung erwünschter Fortschritte geht. Zur Erklärung des Interpretationsraum: Politik nehme ich multikomplex wahr, wobei mit nur wenige Personen auffallen, die für eine politische Karriere geeignet wären, weil sie, in anderen Bereichen, ein gutes Verständnis für diese, in der Politik typische, Art von Fragestellungen beweisen. Dazu möchte ich noch anmerken, die Populären sind, meiner Ansicht nach, ganz und gar nicht für Politik geeignet.“

„Wenn Du schon nicht sagen können willst, ob Dein nächster Versuch fruchtet, kannst Du wenigstens von Fortschritten der letzten Versuche sprechen?“

„Ich habe das Gefühl, Fortschritt anders aufzufassen als gemeinhin üblich. Für mich ist jeder gestartete Versuch mit beliebigen Resultaten ein Fortschritt, beziehungsweise ein Erkenntnisgewinn. Aber, das wolltest Du vermutlich nicht von mir hören.“

„Näherst Du Dich dem gesetzten Ziel mit dem nächsten Versuch.“

„Die Pfade können auf verschlungenen Wegen ohne direkte Sicht aufs Ziel führen.“

„Von Dir ist wohl keine klare Antwort zu erwarten heute.“

„Verstehe ich nicht.“

„Ja, ja. Jeder hat so seine eigenen Probleme. Streich Dir Deinen geplanten Versuch aus dem Kopf. Der Ausschuss konnte nicht verstehen, was Du geplant hast. Du machst Dir kein Bild davon wie verzweifelt die Geldgeber momentan sind. Mir scheint Du hast weder Sinn fürs Dringliche noch für Monetäre!“

„Reg Dich bitte wieder ab. Du weisst, doch, dass ich echt Probleme mit dieser Art von Auftreten und Kommunikation habe. So, können wir nicht weiterkommen. Vielleicht hat die Marketingabteilung den Investoren zu hohe Erwartungen geschürt. Ich hatte nach den kurzen Begegnungen mit den Verantwortlichen, nicht das Gefühl, wir hätten dasselbe Verständnis, was die möglichen Erkenntnisse aus der Ergebnisebene der Experimente angeht, und noch weniger welchen realistischen Fähigkeiten sie einen, eines zukünftigen Tages, ermächtigen könnten. Obwohl, die werten Damen und Herren, bei einigen meiner präsentierter E-Folien, schier in Verzückung gerieten, und sich wiederholt gegenseitig bestätigten mit den Worten: „All diese

Möglichkeiten, diese Chancen!“.

„Ha! Auch wenn ich Dich mittlerweile etwas besser kenne, Deine Aussagen werden nicht erträglicher. Kennst Du kein Erbarmen? Wie wäre es mit etwas Höflichkeit gegenüber Deinen Auftraggeber?“

„Ich denke jeder folgt einem Kodex. Meiner verbietet mir zu Lügen, um zu schmeicheln. Was denkst Du, weshalb, habe ich Dich angestellt? Meinst Du ich bemerke nicht die Änderungen im Gesichtsausdruck und der Körperhaltung anderer, wenn ich mit ihnen persönlich spreche? Zugegeben, ich habe bisher keine Regung verspürt, die Bedeutung dieser körperlichen Oberflächlichkeiten genauer zu studieren, obwohl sie, dem Vernehmen nach, vielen so einiges bedeuten. Ich bin überzeugt, es gibt andere, die dem Ganzen eine angemessene Bedeutung widmen. Übrigens, Du solltest wissen, ich bin sehr angetan, von Deinen zu beobachtenden Fähigkeiten und Deinem, wie ich vermutende, besonderen Geschick in diesen Belangen.“

„Oh. … danke …, hab vielen Dank! … Stets zu Deinen Diensten.“

„Bitteschön.“

„Wie wäre es, wir würden einen Teil Deiner Entwicklungen einzeln und unabhängig veräussern? Ich meine dabei jede davon mit einer auf die Hauptfunktion spezialisierte Firma mit individuellem Unternehmensauftritt und eigenem Sitz.“

„Faszinierende Idee. Prinzipiell denkbar ist das schon. Ob sich die Funktionen

gewinnbringend auf dem Markt verteilen lassen, halte ich für fraglich. Das sind aber auch nicht meine Sorgen. Ich verstehe davon zu wenig. Mir ist es ein Wunder wie auf den Märkten kann so beinahe alles verkauft werden, unabhängig von Funktion, Qualität und Alter. Daher, kann ich schlecht schätzen, welche Teile der Software isoliert als Produkt durchgehen.“

„Irgend ein paar vermeintlich brauchbare oder wirklich nützliche Funktionen wird Deine Software doch haben.“

„Bezogen auf das vorgegebene Programm des Mutterhauses, haben alle Funktionen, die zu schreiben, ich anleitete, eine nützliche Funktion und sei es nur optional. Vielleicht bin ich zu sehr mit dem Zusammenhang aller Teile beschäftigt. Würde ich Automatikgetriebe mit sieben Gängen entwickeln, und würde gefragt, ob sich Gänge auch einzeln anbieten liessen ich käme nicht minder ins staunen.“

„Warum findest Du die Idee dennoch faszinierend?“

„Nun, ja. Ist das nicht offensichtlich? Selbst wenn ich wollte, ich könnte auf diese Idee der Isolierung der Einzelfunktionen nie alleine kommen. Der zweite Teil der Idee, finde ich unabhängig vom ersten Teil echt schlau.“

„Du hast mich nicht verstanden. Dein Beispiel mit den einzelnen Gängen ist daneben. Hast Du sicher schon von Ersatzteillagern gehört oder wie Konzerne zerschlagen und vereinzelt, in der Summe gewinnbringend, verkauft wurden?“

„Ersatzteile? Wovon? Von Software? Das Zerschlagen eines Konzerns dagegen, klingt wie eine ernstzunehmende Drohung. Ich glaube fast, ich benötige bis morgen Mittag dringend ein paar passende Einfälle.“

„Schön wär ‘s! Du wirst aber bereits um Zehn Uhr erwartet. … Sorry, … glaub mir, diese Zeit bereitete mir erhebliche Umstände. Üblich ist in ähnlichen Fällen Sieben Uhr.“

„Na dann, … bleibt mir wohl nichts Anderes übrig.“