Totenzähler V2.02

© 2020, Michael Trösch

Text aus aktuellem Anlass und Sorge, wegen des vor allem in China, aber tendenziell weltweit, teils sehr krank machenden, ansteckenden Coronavirus

Kaum ein Thema wird in jungen und mittleren Jahren so gemieden wie die eigene Sterblichkeit. Voller Lebensenergie und -erwartung ist es mehr als verständlich, seinen, hoffentlich weit in der Zukunft liegende, altersbedingten Todestag nicht nur zu verdrängen, sondern generell in Frage zu stellen. Schliesslich ist der medizinische Fortschritt rasant. Ewig rüstig und gesund zu bleiben und dazu auch noch das biologische Alter zurückdrehen zu können, keine allzu leere Versprechen mehr, denn nie wurde von Pharmariesen so viel in die Entwicklung zur Linderung und eventuell Heilung geriatrischer Krankheiten gesteckt, dazu gibt es Meldungen zu ersten Anzeichen der Verjüngung diverser biologischer Altersindikatoren, zwar nur an wenigen Probanden, aber dafür umso aussichtsreicheren Resultaten. Wer allgemein kerngesund ist und langlebige Grosseltern hat, und daher und aus anderen glücklichen Umständen keine Erfahrung mit dem Tod einer sehr nahe stehenden Person hat, muss sich sicher nicht mit Thema Tod beschäftigen. Der Begriff wird in diesem Falle kaum tiefere Bedeutung haben, umso weniger Jahrzehnte des Friedens und des kooperativen Wettbewerbs dazu führten, dass Schrecken, Elend, tödliche Gewalt, Seuchen und Notlagen nur aus Medien, Fiktionen, Dokumentationen und Geschichtsbüchern bekannt sind.

Dennoch können eben diese Meldungen und Darstellungen Ängste auslösen und schüren, besonders wenn ein Ereignis wie ein Zugunglück, eine Massenhysterie, ein Grossbrand, ein Terroranschlag oder eine neue, tödliche, hochansteckende Krankheit in kurzer Zeit eine grosse Anzahl Tote zu verzeichnen hat. Unverhoffter Tod, der wahllos und gleichgültig Menschen aus allen Gesellschafts- und Altersschichten trifft und einen unfassbar, unaussprechlich trostlos zurücklässt, besonders dann, wenn sich darunter eine bekannte Person aus dem eigenen Freundeskreis identifizieren lässt. Das fürchterliche dieser Vorfälle sind die bedauernswerten, tragischen, hohen persönlichen Verluste der Angehörigen und den daraus resultierenden teils weit überfordernden Einschnitten in die Befindlichkeit sowie der krasse Einschlag auf die einst so sorgfältige und liebevolle Lebensgestaltung. Zudem könnte es jeden treffen, tödlich, schwerst verletzt oder angehörig. Im Gegensatz zu Einzelereignissen, die zeitlich begrenzt sind, fordern Epidemien ihren Tribut über unbestimmte Zeit und Ausmass. Türmten sich die Leichen zahllos in der qualvollen Zeit der grassierenden, schwarzen Pest im Mittelalter namenlos auf den Leichenwagen, die zum anonymen Massengrab gekarrt wurden, um sie weg zu kippen, und um Platz zu schaffen für die nächsten Toten, kann im Zeitalter der weltweiten Informationsverteilung täglich über die wachsende Anzahl und Ausbreitung berichtet werden. Die Opfer von heute müssten nicht namenlos, abstrakt hinter einem laufend aktualisierten Zähler versteckt werden, im Gegenteil, denn Dank den Vorzügen der Digitalisierung, könnten global zugängliche Andachtslisten geöffnet werden, die durch die geteilte Anteilnahme vieler, den Angehörigen pietätvoll Trost zu spenden vermögen, der umso dringender gebaucht wird, je ferner der Tod unter gewöhnlichen Umständen erscheint.

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