Wende, in Zeiten weltweiter Abfackelung fossiler Rohstoffe!

© 2019, Michael Trösch aka FarbigeWelt

Ja, stimmt. Es ist ein Jammer, der Fortschritt kam bei fünf Nanometer Strukturen allmählich ins stocken. Und an Stapeln von Prozessorebenen war aufgrund der Verlustleistungen nicht zu denken. Das gelang dafür bei Speicherebenen ganz gut, zudem wurde analog-digital gespeichert, womit eine Zelle statt eines Bits halbe und später ganze Bytes fasste. Auf über sechs Jahrzehnte der Steigerung der Anzahl Operationen pro Watt bei paralleler Erhöhung der Präzision konnte zurückgeblickt werden. Aber dann kam die Wende und der Verbrauch pro Operation nahm zu, was von den Konsumenten und Anwendern nicht akzeptiert wurde. Die Grundlagenforschung fand seither viele Möglichkeiten Transistoren in kleiner Zahl auf anderen Substraten als Silizium herzustellen, aber keine eignete sich im gleichen Masse zur Skalierung wie die reife, alte Technologie des Maskierens, Belichtens und Ätzens. Träume von massiv parallel arbeitenden Mikromaschinen, die Nanoteile und -produkte herstellen, platzten an vielerlei unbekanntem Mikrophysikalischem, obwohl die Technik zur Anordnung einzelner und weniger Atome bereits länger beherrscht wurde. Die Massenproduktion von dotiertem Silizium basierenden Transistoren ging in die Billiarden pro Wafer, einer behandelten Scheibe eines grossen, technisch gezüchteten Einkristalls. Nicht nur der Betrieb der Rechner verschlang unmögliche Energiemengen, sonder auch deren hochsensible, Dezinanometer Partikel ärmste Produktionskette und deren Verbrauchsmaterial gleicher Reinheitsgrade. Auf der Höhe der damaligen Hardware-Entwicklung, kam der nie für möglich gehaltene Konsens der mächtigsten und wohlhabendsten, hauptsächlich im Auftrag produzierenden, Verbraucherländer für die sofortige und notfallmässig einzuleitende Energiewende. Damals fing eine neue Generation an, global organisiert, sich gegen die älteren Generationen aufzulehnen. Erst belächelt, dann beachtet und schliesslich gefürchtet, errang die neue Generation, mit drohender Brutalität, aber schliesslich friedlich, die Neuausrichtung der Gesellschaft, hin zu schonenderem Umgang mit allen Ressourcen. Die Jungen hatten genug von den ewigen Schreckensmeldungen über den Zustand der Umwelt und deren Zukunft und damit der ihren. Die eigentliche Revolution fing, nach mehrheitlich friedlich verlaufenden, regelmässigen und weltweiten Demonstrationen in Haupt- und Grossstädten, in derselben Stunde an. Teenager und Tweens organisierten, über allgemein wenig bekannte soziale Medien, Apps dazu wurden vermutlich innert wenigen Wochen zuvor unter Aktivisten und Mitläufern verteilt, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, den Tag des offensiven Widerstandes. Dieser setzte losgelöst von Zeitzonen zu einem zuvor unbedeutendem Zeitpunkt ein. Durch alle Schichten, an allen wichtigen Schnittstellen und Schaltpunkten übernahmen die Revoluzzer die Kontrolle, unterstützt von Polizeikorps und grossen Teilen der Armeen, die seit jeher auf jungen Leuten aufbauten. Auf Glockenschlag wurden die Bevölkerungen, in sämtlichen freien Ländern, über den Putsch, über eine Mehrzahl der zentralen und allgemein beachteten Medien, aufgeklärt. Der Auftritt war über die Masse professionell, überzeugend und kreativ gestaltet, dass er auch ungeachtet der Tatsachen Aufsehen erregt hätte. Weite Teile der Ausstrahlung waren neu und setzten Massstäbe in zielgerichteter Kommunikation, Herrschaftsansprüche und Propaganda miteingeschlossen. Die Botschaft lautete in Worten: Wacht auf! Die Welt liegt nun in den Händen unserer Generation. Jeglicher Widerstand ist zwecklos und wird ausgeräumt. Heute ist der Tag Eins im ersten Jahr der Wende. Wir fangen nicht neu an, wir richten neu aus. Wir verbieten nicht, wir handeln ganz einfach anders. Alle bekannten Ressourcen, Verbraucher und Ersteller sind inventarisiert, deren Zuständigkeiten, Waren-, Dienst- und Energieflüsse werden reorganisiert und neu zugewiesen. Niemand wird besitz-, obdach- oder arbeitslos. Wir leben im Zeitalter einer Blüte nie gesehener Produktivität, deren Früchte, auf Kosten der Mehrheit, nur wenigen vorbehalten sind. Dieser Zustand ist leider nur natürlich, er widerspiegelt den Stand der menschlichen Entwicklung und der menschlicher Hochkulturen der letzten Jahrtausende. Neu ist jedoch der immense Energie- und Ressourcenverbrauch pro Kopf, der aus der technischen Nutzung des ständigen Begleiters des modernen Menschen, nämlich dem Feuer, mit Wärmekraftkopplern wie den Verbrennungsmotoren, den Verbrenner- und Heissdampfturbinen, hervorgeht. Die Menschheit ist seit jeher, beispielslos auf diesem Planeten, vom Erfolg verwöhnt und vor allem vom gleissenden Licht seiner erlahmenden Bequemlichkeiten geblendet. Bequemlichkeiten, die frühere Generationen ermöglicht haben, durch Geistes- und Handeskraft erschaffen und erkämpft. Wir haben dieses Erbe verdient und wir schätzen es über vieles und werden es weiterentwickeln, losgelöst von der alles Lebende verzehrenden Glut des Kohlenstoff basierten Feuers. Seht ihr nicht, die Welt brennt lichterloh, aber meist unsichtbar, versteckt in modernster Technik. Nicht einmal des Meeres Wasser vermag die Flammen, die wir selbstherrlich zu beherrschen glaubten, zu löschen. Wir befördern den zähen, schleichenden pechschwarzen Tod aus der Unterwelt und machten die einst fruchtbare, farbige und unerschöpflich vielfältige Welt zur öden, grauen alles erstickenden Hölle der Monokultur einer unersättlichen Superspezies und wenigen, domestizierten und nützlichen Subspezies. Öffnet endlich Eure Herzen und fangt an sie zu gebrauchen. Dies hier ist keine Feuerwehrübung. Wir sind gekommen, um den Flächenbrand zu löschen, und um zu retten und fördern, was von ihm übrig blieb. Die Apokalypse kommt nicht, wir befinden uns seit über einem Jahrhundert mitten drin, aber der meisten Augen wurden vor langem ausgebrannt, ihre Nasen sind tot und riechen nicht den Gestank brennenden, fettigen Fleisches und ihre schwachen, schwarzen Herzen pochen kaum, kokelnd seit Jahrzehnten. Wir verbrennen alle im lebendigen Leibe, aber abgestumpft von Jahrhunderten menschenverachtender Kriege und Ausbeutung, spüren wir unsere Pein nicht mehr und verspotten und ächten gar die leidenden, empfindlicheren Naturen, deren Gleichgewichtsorgan sie schwindeln lässt, in der Schieflage der Gesellschaft, die die Steigung an Bord für normal und naturgegeben, wenn vielleicht auch etwas ungerecht, hält, falls sie sie überhaupt je bemerkte. Haltet fest, wir bleiben standhaft. Wo sollten wir den auch hingehen, ausser in eine gemeinsame, lange Zukunft? Unsere Generation ist der Kern der nächsten. Im gestern noch gefeierten Seniorenzeitalter, drifteten die Boote ruderlos, gezankt wurde um bedeutungslose Ränge, Kontrolle wurde vorgegaukelt, die Führung lag beim Schicksal, den Marktkräften oder höheren Mächten wie historischen Traditionen oder Gottheiten. Der Homo Sapiens ist kein Nestflüchter. Er ist ein unglaublich zäher Nestbesudler und Windelnkoter. Ein von Göttern ausgesetztes Kuckucksbaby, das in einem vollen Nest brabbelte und sabberte und früh verlassen wurde, da dessen gedemütigten, kurzlebigen, tönernen Ersatzzieher vom ungeschickten Grapschen ihres aufgebürdeten Zöglings zerdrückt wurden, weil sie viel zu fragil und allzu wenige waren, blieb der Mensch schon früh zurückgelassen und auf sich selbst gestellt. Die Gründe fürs Aussetzen sind ebenso unbekannt wie die Mutter und werden wohl für alle Zeiten verborgen bleiben, egal wie sehr sich Archäologen, Mystiker, Theologen und Historiker auch ums Aufdecken bemühen. Wir betrachten das Erlangen der Schrift und der Mathematik als Anfang der Kultur und mit ihr das Aufkommen des Homo Sapiens Sapiens. Mithilfe der im Tierreich beispielslos komplexen Kommunikation mittels Symbolen, konnten begabte Individuen über persönliche Kontaktgrenzen und ihren Tod hinaus symbolgetreu wirken. Allen Umwelteinflüssen und notgetriebenen Anpassungen zu trotze, wurden Schriften zu Bewahrern und Zeugen von Existenzen und Erkenntnissen und ergänzten und dehnten persönliche Erfahrungen und Phantasien mit denen der Autoren zu Jahrtausende umfassenden Erinnerungen. Unsere Generation profitierte vom allzeit sofort abrufbaren und teilbaren Wissen wie keine zuvor. Während die älteren Generationen noch tapsig und oft verwirrt im Laufgitter in Hosen scheisst und ihr Gleichgewicht sucht, haben wir uns in kurzer Zeit zu Schülern entwickelt. Während ihr die ersten schiefen Türme aus klobigen, bunten Holzbauklötzen alleine baut, bildeten wir selbstorganisierte Lerngruppen, für gemeinsame, mehrjährige Arbeiten zum Thema: Zukunft der Menschheit und Kulturtherapie in einer feuervergifteten Welt. Wir haben die jüngste Generation längst eingebunden, sie widmen sich reifegerechten, alltäglicheren Themen. Ihr Älteren seid derart von Euch selbst eingenommen und um Euer Eigenwohl bekümmert, dass Eure Neugierde gerade mal dazu reicht Eure eigenen Körperöffnungen zu ertasten, in der unbewussten Annahme sie hätten unterschiedliche Funktionen. Was? Ihr glaubt, dieses Bild sei eine unerhörte Frechheit, schliesslich hättet ihr unsere Windeln gewechselt, und ihr hättet uns mit aller Liebe und Hingabe aufgezogen, und diese Vorstellung hier sei eine einzige, unverschämte Undankbarkeit.

Wir können Eure Aufregung bestens verstehen, auch wenn sie gerade eben die Bestätigung Eurer Unmündigkeit zeigt, und Eure Rückständigkeit auf traurige Weise beweist. Hört, Ältere, wir rechnen damit, dass wir die Mehrheit so eben vor den Kopf gestossen haben und wir erwarten heute nicht, dass ihr den eigentlichen Inhalt dieser Rede als Ganzes erfassen könnt. Ihr werdet so wie wir Euch kennen, einzelne Sätze aus dem Kontext klauben und lange darauf kauen, um zu prüfen wie sie Euch schmecken. Wir werden uns jedoch nicht auf Bäuerchen und Pupser einlassen. Ein paar Zweisilbige Wörter solltet ihr schon so auf die Reihe bekommen, dass sie grammatikalisch einen Satzsinn bilden. Da wir Eure Sturheit kennen, und ihr erst in der x-ten Wiederholung der gleichen Sache nicht mehr vor genauem Hinsehen scheut, wie das Wild, dass vor geduldiger Zähmung, vor der leisesten, raschen Bewegung eines Senkrechtläufers davon rennt, wird unsere Rede für die nächste Zeit in kurzen, unregelmässigen Abständen bis auf weiteres wiederholt gesendet, dazwischen lassen wir Eurem sinnfreien Mediengebrabbel Platz. Arrangiert Euch mit der Ersten Ordnung! Wir beantworten selbstverständlich, öffentlich in den sozialen Medien, Eure Fragen, allerdings werden es viele unnötige sein und dazu rechnen wir mit völlig sinnlosem Geplärre. In erster Linie gehen wir nur auf Fragen, mit Inhalt und in vernünftigem Ton gestellt, ein. Wir haben unsere Schritte wohl überlegt, wir sind bereit Euch gegen Euren Willen soweit wie möglich aufzuziehen. Wir nehmen diese enorme Verantwortung bewusst an, zum einen in Dankbarkeit zu Eurer Hingabe an uns, in früheren Jahren, zum anderen ist es nach unserem Ermessen, die beste Wahl, mit Euch zu verfahren, aus vielen anderen, weit unangenehmeren. Wir ziehen Euch auf, auch wenn wir damit wahrscheinlich öfter scheitern werden als uns lieb ist. Alternativen, übrigens, stehen genügende in den Geschichtsbüchern. Dies hier ist schliesslich nicht die erste Umwälzung. Ende der Sendung.